Montag, 12. Dezember 2011
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Carols of many Nations
Jetzt bin ich auch in Weihnachtsstimmung! Nachdem die Adventszeit hier in den USA nicht so beschaulich und andächtig zelebriert wurde, wie ich das aus Deutschland gewohnt bin, war heute Abend in der Miller Chapel ein wunderschöner Gottesdienst mit vielen Weihnachtsliedern aus der ganzen Welt. Da das Seminar einen professionellen Musikleiter angestellt hat, der zusammen mit der Pastorin und dem Seminarchor die Gottesdienste vorbereitet, war das Ganze auch wirklich schön vorbereitet.
Kleine Liederauswahl hier, hier, hier und hier.
Ich hatte auch meinen Part, habe nämlich Lukas 1, 26-38 gelesen - auf deutsch.
Jaja, jetzt kann so langsam Weihnachten kommen...
Kleine Liederauswahl hier, hier, hier und hier.
Ich hatte auch meinen Part, habe nämlich Lukas 1, 26-38 gelesen - auf deutsch.
Jaja, jetzt kann so langsam Weihnachten kommen...
Stichworte:
USA
Samstag, 3. Dezember 2011
Liberal Dominance
Es ist sehr interessant zu beobachten, wer die Diskussionen in den hiesigen Veranstaltungen beherrscht. Obwohl oft gesagt wird, dass das Princeton Theological Seminary neo-orthodox (Karl Barth und Konsorten) ausgerichtet ist - und damit der liberalen Theologie eher kritisch gegenübersteht, habe ich nicht den Eindruck, dass die konservativen Argumente dominieren. Im Gegenteil lässt sich sogar eine einhellige Ablehnung des "Fundamentalismus" feststellen. Klar, viele der Studierenden kommen aus den Mainline-Protestant-Churches und sind Lutheraner, Presbyterianer oder andere Reformierte. Aber ebenso viele kommen aus den baptistischen oder auch pentekostalen Kirchen. Dann ist es schon seltsam, wenn in einer Sitzung ein hochprovokatives Buch wie "The Queer God" diskutiert wird, über Masturbation als Gebet und die trinitarische Orgie... - aber keine/r wagt, Homosexualität selbst zu kritisieren oder die Frauenfrage zu formulieren. Und dass obwohl die Hälfte des Kurses gerade mächtige Bauchschmerzen haben müsste. Stattdessen schaffen es die "Liberals" (der Begriff ist sehr ambivalent) eine Atmosphäre zu kreieren, in der zwar Diskriminierung überhaupt gar nicht erst zur Debatte steht, die eine Hälfte des Seminars aber keinen Piep sagt. Ich fand das Buch großartig und bin kein Gegner von nicht-heteronormativen Identitäten, aber ich habe die Befürchtung, dass die krasse Spaltung der christlichen Kirchen über diese Fragen in den entsprechenden Seminaren nicht konstruktiv thematisiert werden kann. Wie können wir es schaffen, homosexuelle Seminarteilnehmer nicht zu verletzen und trotzdem einen Southern Baptist mit seinen Bedenken ernst zu nehmen? Wir sollten niemals vergessen, dass es gar nicht lange her ist, dass die Mainline Protestanten in Homo- und Frauenfragen ganz anderer Meinung waren als heute. Und unsere Gesellschaft generell auch. Wir können nicht die Positionen der anderen als absurd und indiskutabel verurteilen - uns der ach so aufgeklärten (waren die alle schon immer!) Mehrheitsmeinung anbiedern und gleichzeitig über homophobe Lutheraner im Erzgebirge schweigen. Die Entwicklungen in Bezug auf Homosexualität sind doch so jung, dass die ganzen Alten in unserer Gesellschaft, die Eliten und Intellektuellen, vermutlich noch massive Ressentiments hatten. D.h. wir haben doch eigentlich noch überall diese Meinungszwitter und Konvertiten, die beide Positionen kennen und dadurch doch dialogfähig sein müssten. Statt Dialog findet aber Tabuisierung statt, die den Konservativen zum Märtyrer macht. Dann nämlich wird man "ja wohl noch sagen dürfen..." Diese rückwärtsgewandten Positionen sind ebenso dialogunfähig wie die liberale Verschleierung und Tabuisierung der eigenen Vergangenheit.
Wie kann man also diese drohende Spaltung innerhalb der christlichen Kirchen überwinden? Wie kann man respektvoll über Themen diskutieren, bei denen die eine Seite eine Meinung vertritt, die von der anderen als diskriminierend wahrgenommen wird? Wo also schon die Form der Diskussion selbst problematisiert wird?
Wie kann man also diese drohende Spaltung innerhalb der christlichen Kirchen überwinden? Wie kann man respektvoll über Themen diskutieren, bei denen die eine Seite eine Meinung vertritt, die von der anderen als diskriminierend wahrgenommen wird? Wo also schon die Form der Diskussion selbst problematisiert wird?
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Rumspinnen,
Theologie,
USA
Montag, 21. November 2011
Foucault, Adam und der Mönch
In seinem kurzen Essay "Sexuality and Solitude" (1980) analyisiert Michel Foucault, wie die Konstitution des christlichen Selbst erfolgt. Da das Christentum für Foucault in erster Linie eine Konfession ist, also ein Bekennen, ist jeder Christ (ich bleibe hier mal bewusst in der männlichen Form - ihr werdet gleich sehen, wieso) dazu aufgerufen, seine christliche Identität im Glauben jederzeit öffentlich bekennen zu können, er produziert sein Selbst qua Bekenntnis. Dieses Bekenntnis erfordert den Ausschluss aller Illusionen und Versuchungen, die diesen Prozess be- oder verhindern. Die so gewonnene Transparenz führt allerdings nicht zur Auflösung des Subjekts (wie im Buddhismus), sondern zum Verzicht auf eben dieses Subjekt, da es "zu real" wird.
"The more we discover the truth about ourselves, the more we have to renounce ourselves; and the more we want to renounce ourselves we have need to bring to light the reality of ourselves."
Foucault verdeutlicht die damit einhergehende Ambiguität ganz wunderbar an Adam im Paradies:
"Adam rose up against God with the first sin. Adam tried to escape God's will and to acquire a will of his own, ignoring the fact that the existence of his own will depended entirely on the will of God. As a punishment of his revolt and as a consequence of this will to will independently from God, Adam lost control of himself. He wanted to acquire an autonomous will, and lost the ontological support for that will. That then became mixed in an indissociable way with involuntary movements, and this weakening of Adam's will had a disastrous effect. His body, and parts of his body, stopped obeying his commands, revolted against him, and the sexual parts of his body were the first to rise up in this disobedience. The famous gesture of Adam covering his genitals with a fig leaf is, according to Augustine, due not to the simple fact that Adam was ashamed of their presence but to the fact that his sexual organs were moving by themselves without his consent. Sex in erection is the image of man revolted against God. The arrogance of sex is the punishment and consequence of the arrogance of man. His uncontrolled sex is exactly the same as what he himself has been towards God - a rebel."
Deshalb ist für Augustin und die monastischen Bewegungen auch die Masturbation bzw. der unfreiwillige Samenerguss DAS Riesenproblem gewesen - gar nicht so sehr Homosexualität. Die christliche Konstruktion des Subjekts beobachtet in sich selbst eine bestimmte Entzweiung, das Nicht-im-Reinen-mit-sich-selbst-Sein. Daher muss der Christ ständig erforschen, ob er nicht doch schmutzige Gedanken hat, ob er mit sich selbst nach wie vor kohärent ist - und er muss in der Beichte Zeugnis darüber ablegen, bekennen, dass er ein schuldiger Rebell mit "Erektionsproblemen" ist. Interessant ist natürlich, dass diese Beichte im Geheimen stattfindet. Wie wäre auch sonst eine Kirche denkbar, wenn sich christliche Subjekte als in sich zutiefst von sich Entfremdete darstellten...?
Nochmal: Was für eine Kirche käme dabei raus, wenn wir statt Masturbation mal Penetration thematisieren würden, also den Anderen in den Mittelpunkt unserer Subjektkonstitution stellten - und nicht immer nur uns selbst in ewigen Reflexionsschleifen. In den geheimen Phantasien ist der Andere ja sowieso schon anwesend, wir sind also schon immer durch den Anderen konstituiert.
Der allgegenwärtige Individualismus der "Selbstwirklichung", des "Sich-selbst-treu-bleibens", der "Selbstfindung" und natürlich auch jeder religiös motivierten Authentizität (> freie Gebete, >Worship, > Ich-und-mein-Jesus) wäre damit mal massiv in Frage gestellt. Oder anders gesagt: Sex ist zu zweit schöner.
"The more we discover the truth about ourselves, the more we have to renounce ourselves; and the more we want to renounce ourselves we have need to bring to light the reality of ourselves."
Foucault verdeutlicht die damit einhergehende Ambiguität ganz wunderbar an Adam im Paradies:
"Adam rose up against God with the first sin. Adam tried to escape God's will and to acquire a will of his own, ignoring the fact that the existence of his own will depended entirely on the will of God. As a punishment of his revolt and as a consequence of this will to will independently from God, Adam lost control of himself. He wanted to acquire an autonomous will, and lost the ontological support for that will. That then became mixed in an indissociable way with involuntary movements, and this weakening of Adam's will had a disastrous effect. His body, and parts of his body, stopped obeying his commands, revolted against him, and the sexual parts of his body were the first to rise up in this disobedience. The famous gesture of Adam covering his genitals with a fig leaf is, according to Augustine, due not to the simple fact that Adam was ashamed of their presence but to the fact that his sexual organs were moving by themselves without his consent. Sex in erection is the image of man revolted against God. The arrogance of sex is the punishment and consequence of the arrogance of man. His uncontrolled sex is exactly the same as what he himself has been towards God - a rebel."
Deshalb ist für Augustin und die monastischen Bewegungen auch die Masturbation bzw. der unfreiwillige Samenerguss DAS Riesenproblem gewesen - gar nicht so sehr Homosexualität. Die christliche Konstruktion des Subjekts beobachtet in sich selbst eine bestimmte Entzweiung, das Nicht-im-Reinen-mit-sich-selbst-Sein. Daher muss der Christ ständig erforschen, ob er nicht doch schmutzige Gedanken hat, ob er mit sich selbst nach wie vor kohärent ist - und er muss in der Beichte Zeugnis darüber ablegen, bekennen, dass er ein schuldiger Rebell mit "Erektionsproblemen" ist. Interessant ist natürlich, dass diese Beichte im Geheimen stattfindet. Wie wäre auch sonst eine Kirche denkbar, wenn sich christliche Subjekte als in sich zutiefst von sich Entfremdete darstellten...?
Nochmal: Was für eine Kirche käme dabei raus, wenn wir statt Masturbation mal Penetration thematisieren würden, also den Anderen in den Mittelpunkt unserer Subjektkonstitution stellten - und nicht immer nur uns selbst in ewigen Reflexionsschleifen. In den geheimen Phantasien ist der Andere ja sowieso schon anwesend, wir sind also schon immer durch den Anderen konstituiert.
Der allgegenwärtige Individualismus der "Selbstwirklichung", des "Sich-selbst-treu-bleibens", der "Selbstfindung" und natürlich auch jeder religiös motivierten Authentizität (> freie Gebete, >Worship, > Ich-und-mein-Jesus) wäre damit mal massiv in Frage gestellt. Oder anders gesagt: Sex ist zu zweit schöner.
Stichworte:
Rumspinnen,
Theologie
Dienstag, 15. November 2011
Hoffnung?
Mein Kurs in Befreiungstheologie war gerade mal wieder sehr deprimierend. In Form einer Podiumsdiskussion haben wir über die Perspektiven einer US-amerikanischen Befreiungstheologie gesprochen. Nach einer ganzen Weile meldete sich eine Latina und stellte fest, dass die ganze Situation ziemlich verfahren ist und dass nicht mal in einem Kurs über Befreiungstheologie das Gefühl von Hoffnung aufkommt. Sie fing dann an völlig verzweifelt zu weinen. Kein schönes Erlebnis. Ich fühle mich zurzeit auch ziemlich resigniert. Man kriegt einfach das Kotzen, wenn man sich anschaut, was in der Welt abgeht...
Für alle Nicht-Theologen: Unter Befreiungstheologie versteht man eine ursprünglich in Lateinamerika beheimatete Theologie aus den 70ern, die die christliche Message im Sinne politischer Emanzipation interpretiert. Während es am Anfang vor allem um ökonomische Gerechtigkeit ging, behandelt die neuere Befreiungstheologie auch Themen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. Das Ganze ist politisch klar links, oft auch marxistisch positioniert.
EDIT: Ah, sie haben die Park-Übernachter in New York aufgelöst. 100 Leute in einer 19 Millionen-Einwohner-Metropole. 99%. Schon klar. Und die Mehrheit der Amis glaubt immer noch an den Amerikanischen Traum. Ich hab echt genug für heute.
EDIT2: Ich weiß ja nicht, ob das hier Hoffnung ist...Aber lustig ist es. Wie kommen die eigentlich dahin, wo sie sind.
Für alle Nicht-Theologen: Unter Befreiungstheologie versteht man eine ursprünglich in Lateinamerika beheimatete Theologie aus den 70ern, die die christliche Message im Sinne politischer Emanzipation interpretiert. Während es am Anfang vor allem um ökonomische Gerechtigkeit ging, behandelt die neuere Befreiungstheologie auch Themen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. Das Ganze ist politisch klar links, oft auch marxistisch positioniert.
EDIT: Ah, sie haben die Park-Übernachter in New York aufgelöst. 100 Leute in einer 19 Millionen-Einwohner-Metropole. 99%. Schon klar. Und die Mehrheit der Amis glaubt immer noch an den Amerikanischen Traum. Ich hab echt genug für heute.
EDIT2: Ich weiß ja nicht, ob das hier Hoffnung ist...Aber lustig ist es. Wie kommen die eigentlich dahin, wo sie sind.
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